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Lenaismus

Es ist das erste Mal nach Adolf Hitler, dass es dem deutschen Volk gelungen ist, ein Phänomen von Grund aufzubauen und mit ihm Europa zu erobern. Folgt nun wie damals die Implosion und die Dekonstruktion? Eins sollte dem aufmerksamen, aber skeptischen Beobachter schon klar sein: Den vielen Erwartungen, den vielen Projektionen, denen Lena ausgesetzt ist, wird sie nicht standhalten können.

Denn wer glaubt nicht alles, sich mit Lena identifizieren zu können oder zu wollen, nachdem er wochenlang ihrer Darbietung an den Eurovision Song Contest, dem Auge des Sturms, der darum herum von den deutschen Medien inszeniert wurde, ausgesetzt war. Bei Titel, Thesen, Temperamente heißt es schon, Lena würde diese zarte, erst jüngst durch das Sommermärchen gesprossene, nur von Grünen und Linksradikalen angestocherte Pflanze deutschen nationalen Selbstbewusstseins und Selbstwertgefühls ausreißen und durch ihre eigene Marke ersetzen. Selbst das Feuilleton, das mediale Bürgertum, lässt sich dazu herab, der organisierten Unterschicht, einer durch Casting und Stefan Raab aus der grauen Menge der deutschen Bevölkerung auserwählten Kandidatin Aufmerksamkeit, gar Respekt zu zollen: Denn eigentlich ist Lena, diese angehende Bildungsbürgerin, ja eine von ihnen.

Doch wieviel Substanz ist hinter der Façade? Rein objektiv betrachtet sprach vor dem Song Contest nichts dafür, dass “Deutschland” am Ende der Nacht den türkischen Zweitplatzierten 76 Punkte hinter sich lassen würde. Ausgerechnet Lena, die Kate Nash zu kanalisieren scheint, doch mit ihrem ganz eigenen, mörderischen Akzent und ihrer Bühnenshow, dieser Mischung aus Magenkrampf und schwangerer Wehe, und das ganze Paket auch noch als ihren Charme verkauft, soll drei Jahrzehnte deutschen Ausschlusses von der Chefetage paneuropäischer Musik rückgängig gemacht haben?

Nein. Hinter ihrem Triumph steht eine diffuse Masse von außer-musikalischen Faktoren, für die sie nicht verantwortlich ist. Zum einen war der Rest des Contests so ungefährlich wie eine Kompanie entwaffneter Bundeswehrsoldaten: Eine schier endlose Reihe von seichten Balladen, Sologesängen, begleitet von Gitarre oder Klavier, der andauernde Boybandfetischismus Großbritanniens und die Handvoll skurriler Osteuropäer haben kaum eine Gefahr für Lena dargestellt.

Zum anderen profitierte Lena von einem Wahlverfahren, dass den Wählerwillen zu 50% mit einer Jury aus Mediengranden ersetzte, die wohl von den eigenen Interessen statt von den künstlerischen Meriten geleitet waren. Und vielleicht ist es auch nicht zu verachten, dass so mancher Europäer im niemals endenden Krisenjahr 2008+2 den Deutschen ein wenig Honig um das Maul schmieren wollen könnte, um so zu garantierten, dass bei der nächsten Inkarnation der Währungskrise der Euro rollt. Denn auch diese Stimmen wurden laut, die nun bekundeten, dass Europa mehr sei als Krise.

Europa ist auch Lena.

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